Das Labyrinth

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  Das Labyrinth, das wir an diesem großartigen Ort gebaut haben, umgeben von ungestörter Natur und mit einem herrlichen Blick auf das alte und das neue Drolshagen, hat eine sechstausendjährige Geschichte. 
Die älteste bekannte Darstellung eines Labyrinths ist eine Felszeichnung in Sardinien. Sie befindet sich in einem unterirdischen Grab und stammt wahrscheinlich aus dem dritten Jahrtausend vor Christus. Die Zeichnung befindet sich neben dem engen Türdurchbruch (ca. 60 x 40 cm) zur hinteren Kammer, in welcher der Tote bestattet wurde. Offensichtlich kennzeichnet das Labyrinth diese Tür oder Schwelle, die der Verstorbene passieren musste. Dann versteht sich das Labyrinth als ein Symbol für Tod und Wiedergeburt, als Ausdruck der Hoffnung, der Tote möge aus der Grabeshöhle zurückkehren, "auferstehen" zu einem Leben jenseits des Todes. 
Eine größere Anzahl von Felsritzzeichnungen mit Labyrinthen gibt es auch in Spanien und in Cornwall im Zusammenhang mit der Bergbau der Bronzezeit. Hier lässt sich das Labyrinth als Symbol für das Eindringen in die Eingeweide der Mutter Erde - in deren Schoß oder Uterus - lesen, allemal als ein Todesweg, der die Hoffnung auf Rückkehr einschließt. Dann wäre das Labyrinth gewissermaßen ein Kultsymbol für das Selbstverständnis der ältesten Bergmänner gewesen. 


Bekannter als diese frühen Labyrinthdarstellungen ist das kretische Labyrinth. Die damit verbundene Überlieferung erzählt: 

 Die Stadt Athen war von Minos, dem König der Insel Kreta, unterworfen worden. Alle neun Jahre kamen Abgeordnete, um den auferlegten Tribut zu holen: Sieben junge Männer und sieben junge Frauen sollten es sein, die in das berühmte Labyrinth des Minos eingeschlossen und dem wilden Stier darin, dem Minotauros, vorgeworfen wurden. 
Als dieser Tribut zum dritten Mal verlangt wurde, stand Theseus, der Sohn des Königs von Athen, in der Volksversammlung auf und erklärte sich bereit, selbst nach Kreta zu gehen, um den Minotauros zu bezwingen, andernfalls aber zu sterben. 
Als nun Theseus mit den verlangten jungen Frauen und Männern in Kreta gelandet und vor dem König erschienen war, verliebte sich dessen Tochter Ariadne in ihn. Sie schenkte ihm heimlich ein Fadenknäuel, dessen Ende er am Eingang des Labyrinths festknüpfen und ablaufen lassen solle, bis er in die Mitte gelangt sei, wo der Minotauros hauste, mit dem er zu kämpfen hatte. 
Am Morgen darauf wurde Theseus in das Labyrinth geschickt, als Führer seiner Genossen. Er drang ein in die Dunkelheit und Wirrnis und kämpfte im tiefsten Grund der Höhle mit dem Ungeheuer, bis er es besiegte. Der abgespulte Faden der Ariadne aber leitete ihn auf dem Wege zurück in die neu gewonnene Freiheit. 


 In dieser Erzählung, die Plutarch (+ um 120 n.Chr.) überliefert, überlagern sich bereits die Vorstellungen von Labyrinth und Irrgarten. In einem Labyrinth hätte es nämlich keines Ariadnefadens bedurft. Die Wegführung des Labyrinths ist selbst wie ein sicherer Wegweiser. Niemals gelangt man an Wegscheiden, an denen man zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten wählen muss. Wer nicht aufgibt und immer weitergeht, kann zwar seine Orientierung verlieren. Nachdem er dem Ziel schon ganz nahe schien, gelangt er mehrfach an die äußerste Peripherie zurück, um schließlich doch in der Mitte anzukommen. 
Obwohl die Labyrinthüberlieferung des Altertums von der Irrgartenidee gestört erscheint, ist das Bild eines tatsächlichen Irrgartens bis zur Renaissance unbekannt. Die kretischen und späteren Labyrinthdarstellungen kennen nur den einlinigen, kreuzungsfreien Weg, der keine Verirrungsmöglichkeiten einräumt. 
Das Labyrinth vom Typ Kreta kennen wir heute von Münzen und Nachzeichnungen. Ob es ursprünglich etwas mit der spätgriechischen Theseuserzählung zu hatte, darf in Frage gestellt werden. Das kretische Labyrinth hatte sieben Umgänge, denen vielleicht die Zahl der damals bekannten sieben Planeten zugrunde lag. Dann hätte das kretische Labyrinth (auch) eine kosmische Bedeutung gehabt. Vermutlich verband sich mit dem Labyrinth in Knossos auf Kreta ein Fruchtbarkeitstanz im Frühling, wobei die Tanzfiguren in ihrer Verschlungenheit das eigentlich Labyrinth abbildeten. 
Nach dem Ende der Antike schien die Labyrinth-Tradition erloschen. Sie ruhte über Jahrhunderte, um schließlich im hohen Mittelalter in den großen französischen Kathedralen eine unerwartete Wiedergeburt und zugleich Neugestaltung zu finden. Hier bekam das Labyrinth seinen Platz in der vollen Breite des Mittelschiffs, meistens in einem der unteren Joche. Dort hatte es gewissermaßen Sperrfunktion: Der Kirchenbesucher sollte das Symbol zunächst verinnerlichen, indem er die Labyrinthfigur abschreitet und erst dann auf den Altar zugehen. 


 Die gotischen Kathedral-Labyrinthe setzten jedoch nicht die kretische Tradition fort. Die christliche Neuerfindung erweiterte den Typ Kreta von sieben auf elf Umgänge. Auch diese Zahl ist symbolisch zu verstehen. Da die Elf über die Zahl der Gottesgebote hinausgeht, steht sie für Maßlosigkeit und Übertretung, also Sünde - und gleichzeitig für Unvollkommenheit, da die "runde Zwölf" nicht erreicht wird. So vertritt das mittelalterliche Labyrinth die unvollkommene, erlösungsbedürftige Welt. 
Bedeutsamer ist, dass die neue Labyrinth-Gestalt, die wir nach ihrer vollkommensten Ausgestaltung den Typ Chartres nennen können, von zwei Kreuzachsen überlagert wird. Dieses Kreuz legt Sperren in das Labyrinth ein, die zur Umkehr, gewissermaßen zu einem Kreuzweg nötigen. Damit gewinnt das antike Symbol eine theologische Qualität. Gleichzeitig bildet das Kreuz die Weltachsen ab, die Ost und West, Nord und Süd verbinden. 
Auf dem Bodenlabyrinth der Kathedrale von Chartres fand lange Zeit im Anschluss an die Ostervesper ein Labyrinth-Tanz des Domkapitels statt. Der zuletzt eingeführte Domherr musste einen Ball beschaffen, der so groß sein sollte, dass man ihn nicht mit einer Hand halten konnte. Zu Beginn der Feier übergab dieser Domherr den Ball an den Domdekan, der daraufhin die Ostersequenz anstimmte und zum Rhythmus des Liedes in einem feierlichem Dreischritt tanzte. Gleichzeitig fassten sich die übrigen an den Händen und tanzten einen Reigen "den eingelegten Labyrinth-Weg entlang". Dabei reichte oder warf der Dekan seinen Mittänzern den Ball zu. Später folgte ein gemeinsames Festmahl. 
Zweifellos ist der Ball in diesem Labyrinth-Ostertanz ein Symbol der Sonne. In der vorchristlichen Tradition wurde im Labyrinth die Erneuerung der Natur im wieder aufsteigenden Jahr gefeiert. Die christliche Umdeutung bezog die Sonne mit ein, die ihre leuchtende Bahn über das Labyrinth der Erde zieht. 


  Das Labyrinth, das wir nun hier an dieser her vorragenden Stelle vor und über Drolshagen gebaut haben, findet seinen Entwurf nicht im kretischen Labyrinth, sondern im Typ Chartres. Jedoch elf Umgänge anzulegen, hätte bedeutet, es weder an dieser Stelle bauen zu können, noch anderswo das große Gelände dafür zu bekommen. Zugleich hätten dann auch alle Labyrinthgänger sich ein Mehrfaches an Zeit nehmen müssen, um das Labyrinth zu durchschreiten und wieder herauszukommen. Der Weg bis in die Mitte beträgt im hier realisierten Labyrinth 390 m, hin und zurück also 780 m. Wir glauben, dass die damit eingeforderte Zeit und innere Ruhe, die erforderlich sind, um ganzen Weg zu gehen, sowohl älteren Menschen als auch Kindern angemessen ist. 
Während das antike als auch das mittelalterliche Labyrinth seinen Eingang grundsätzlich von Westen her nimmt, haben wir unser Labyrinth nach Osten ausgerichtet. Dazu zwang einerseits das Gelände, andererseits wollten wir den Ausgang auf den Kirchturm richten, wobei wir uns wünschen, auch bei wachsendem Wald den Drolshagener Kirchturm immer noch sehen zu können. 
Die Deutungen, die sich mit unserem Labyrinth verbinden, sind in allem, was ich bisher sagen konnte, bereits mitgegeben. Wir können aber auch so zusammenfassen: Das Labyrinth ist das All und die Welt, der Schoß der Mutter Erde und das Leben des Menschen, die Windungen des Hirns, die Pilgerfahrt, die Reise, der Tod und die Wiedergeburt, der Weg zu uns selbst und der Weg zu Gott. 


 Wer unser Drolshagener Labyrinth aufsucht, wird, ohne dass wir große Erklärungen damit verbinden müssen, in die Mitte gelangen, die dem Labyrinthgänger klar macht, wohin sein Lebensweg führen sollte: nämlich zu sich selbst. Mehr ist an dieser Stelle dazu nicht zu sagen: Wer den Weg in die Mitte geht und dort in den "Brunnen" schaut, wird verstehen was gemeint ist. 
Mit unserer Arbeit sind wir heute noch nicht ganz am Ziel. Zunächst braucht es weitere drei, vier Jahre, bis die Hainbuchenhecke dicht und hoch gewachsen ist, so dass sich erst dann die angestrebte Vollgestalt zeigen wird. 
Wir übergeben nun das Labyrinth am heutigen Tag unserer Heimatstadt Drolshagen als ein Wegsymbol des eigenen Lebens. Gewiss wird es viele Spaziergänger - einzeln oder in Gruppen, Eltern und ihre Kinder, Jugendliche wie alte Menschen - das Jahr hindurch immer wieder hierhin locken. Wir haben diesen Platz mit Bewusstsein und Freude an die Bewirtung der neu errichteten Jausenstation Stupperhof angebunden, wo der Besucher, sei es, nachdem er im Labyrinth bei sich selbst angekommen ist, Stärkung finden kann, sei es, dass er sich dort für den Weg ins Labyrinth erst rüsten möchte. 
Der Heimatverein für das Drolshagener Land und Drolshagen Marketing haben mit vereinten Kräften diese Anlage geschaffen. Wir vertrauen sie unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern an, in der Hoffnung, das diese sie schätzen und schützen werden.